MED CAMPUS GRAZ

Richtig nachhaltig

Warum pulsieren London, Paris oder Madrid als Metropolen auch heute noch? Warum wachsen Großstädte wie München, Wien und Hamburg? Warum sind Ljubljana, Aachen und Graz attraktive Mittelstädte?

Weil sie allesamt nachhaltig gebaut wurden! Jedoch sind sie in einer Zeit entstanden, als dieser Terminus noch nicht Einzug in den Sprachgebrauch gefunden hatte.

Unsere Städte weisen Strukturen auf, die sehr viel leisten können. Während der letzten zweihundert Jahre, als unsere Städte am stärksten gewachsen sind, hat sich unsere Gesellschaft gravierend verändert, wie auch unsere politischen Systeme und auch unsere Lebensweisen. Die Stadt jedoch, die ist geblieben, nahezu unverändert. Sie hat all diese Wandel aufnehmen und verarbeiten können. Nur die Einführung des Autos hat das Gebilde Europäische Stadt ins Wanken gebracht, denn dafür war sie ursprünglich nicht gedacht, was ihr gehörig zugesetzt hat, aber auch hier scheint sie jetzt einen Erfolg davonzutragen. Was das Auto betrifft, haben wir gelernt, umzudenken, denn wir haben erkannt, nach den Versuchen der 1960er Jahre die autogerechte Stadt zu implementieren, dass uns die Stadt als Struktur zu wertvoll ist.

Unsere Städte zeichnen sich in den Kernzonen durch eine hohe Bebauungsdichte aus. Hierdurch sind öffentliche Verkehrssysteme wie U-Bahn und Straßenbahn heutzutage sehr effizient, jedoch waren sie in der Zeit der großen Stadterweiterungen noch kein Thema. Was für die Stadt als urbane Struktur zutrifft, gilt auch für den kleineren Maßstab. Ob es die Grazer Gründerzeitwohnung ist oder die Berliner Mietwohnung aus der Zeit der großen Stadterweiterung mit dem berühmten Berliner Zimmer, sie stellen beide äußerst nutzungstaugliche Grundrisse dar, in denen man Wohnen kann, sie aber auch z.B. als Büro verwenden kann, oder als Kindergarten etc. Dies geht nur deshalb, weil sie geprägt sind durch weitgehend nutzungsneutrale Strukturen zum einen und größere Raumhöhen zum anderen. Sie weisen nicht nur aus diesem Grund eine sehr hohe Akzeptanz aus, aber nicht nur die Wohnung selbst, sondern insbesondere im Kontext mit der Umgebung, mit den Qualitäten der Stadt. Und gut gebaut wurden die Häuser auch. Es hatte zwar schon die industrielle Revolution stattgefunden, die auch im Baugeschehen für gravierende Veränderungen gesorgt hatte, aber die Bauweise war nachhaltig, wie die Wohnung und auch die historische Stadt.

Und Bauen heute? Back to the roots? Mitnichten! Wir können aber von dem Vorhandenen lernen und versuchen, dies in eine zeitgemäße Formel umzusetzen, um den Ansprüchen der Gegenwart und zum Teil nur schwer vorhersehbaren Entwicklungen in der Zukunft gerecht werden zu können.

Auf den MED CAMPUS bezogen ist die städtebauliche Vorgabe, hier eine universitäre Einrichtung mit hoher Bebauungsdichte zu realisieren, eine positiv nachhaltige Entscheidung. Die hohe Bebauungsdichte mit den vorgegebenen Nutzungen bildet ein Potential für eine hohe Nutzerdichte. Diese kritische Masse lässt Synergien im Bereich Lehre und Forschung einerseits erwarten und andererseits werden hierdurch den öffentlichen Infrastrukturen notwendige Fahrgäste zugeführt, wodurch die Anbindung an öffentlichen Nahverkehr erst sinnvoll wird. Eine hohe Nutzerfrequenz ist aber auch Grundlage für eine Belebung öffentlicher Bereiche, für das Bespielen öffentlicher und teilöffentlicher Plätze, was wiederum wesentliche Voraussetzung für eine Nutzerakzeptanz ist.

Eine hohe Bebauungsdichte kann sich aber auch in Bezug auf das Mikroklima nachteilig auswirken. Abgesehen von den Verursachern weist Graz durch seine Beckenlage und durch den extrem geringen Luftaustausch in den windarmen Wintermonaten eine sehr hohe Feinstaubbelastung auf. Daher haben wir das Gebäudevolumen des MED CAMPUS in Gebäudescheiben unterschiedlicher Dimension zerschnitten und entsprechend der Hauptwindrichtung im Stiftingtal angeordnet, um die wichtige Frischluftzufuhr trotz dieser Neubaumaßnahme nicht wesentlich zu beeinträchtigen.

Flächen in der Grundrissentwicklung und Volumen zu optimieren ist mit Focus auf einzuhaltende Budgets ein Gebot der Stunde. Hierdurch können jedoch maßgeschneiderte Lösungen schnell zu eng werden. Wir haben deshalb Strukturen entwickelt, die möglichst nutzungsoffen sind, die Veränderungen ermöglichen und die dadurch den Erhalt der Gebäude über einen sehr langen Zeitraum garantieren. Gebäude sind unserer Meinung nach erst dann nachhaltig, wenn ihnen nicht bei jeder Nutzungsänderung der Abriss droht.

Wie in Zukunft gelernt wird, wie in Zukunft gelehrt und geforscht wird, das können wir nicht mit absoluter Sicherheit vorhersagen, jedoch mit dem MED CAMPUS entsteht eine universitäre Einrichtung basierend auf Strukturen, die viele zukünftige Entwicklungen und Veränderungen aufnehmen kann und entsprechenden Raum hierfür wird bieten können.

Roger Riewe Architekt
Generalplaner MED CAMPUS

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